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Selbstwert12.10.202617 Minuten Lesezeit

Warum das Hochstapler-Syndrom jedes Erfolgstagebuch überlebt

Hochstapler-Syndrom: der Glaube, mit dem eigenen Erfolg alle getäuscht zu haben. Warum Erfolge nicht helfen und was die Studie von 1978 wirklich sagt.

Eine Frau steht allein im Scheinwerferlicht auf einer Theaterbühne, den Blick gesenkt, hinter ihr Reihen leerer roter Sitze
Inhalt
  1. Was ist das Hochstapler-Syndrom?
  2. Woran erkennt man das Hochstapler-Syndrom?
  3. Warum hilft ein Erfolgstagebuch nicht?
  4. Was hält das Hochstapler-Syndrom am Laufen?
  5. Gibt es das Hochstapler-Syndrom überhaupt?
  6. Hat das Gefühl manchmal recht?
  7. Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?
  8. Häufige Fragen
  9. Quellen

Der häufigste Rat gegen das Hochstapler-Syndrom lautet: Erfolge festhalten. Ein Erfolgstagebuch führen, Dankesmails in einen eigenen Ordner schieben und sie wieder lesen, wenn der Zweifel zurückkommt. Das steht in fast jedem Artikel zum Thema ganz oben. Dabei hat der Aufsatz, der den Begriff 1978 geprägt hat, schon damals erklärt, warum das nicht funktioniert.

Der Ordner entsteht ja tatsächlich. Die Mails werden gesammelt, und sie werden auch wieder gelesen. Nur liefert jede ihre eigene Erklärung gleich mit, und diese Erklärung lautet nie „ich war gut“. So kann ein Ordner immer dicker werden, ohne dass je etwas darin zählt.

Das Hochstapler-Syndrom lässt sich von Beweisen schlicht nicht beeindrucken. Unter der Oberfläche arbeitet eine Ablageregel, und die ändert sich nie. Was gut läuft, wird unter Glück, gutem Timing oder Überstunden abgelegt. Was schiefgeht, unter mangelndem Können. Wer einem solchen System weitere Erfolge hinzufügt, produziert nur mehr Papierkram.

Das Wichtigste

  • Hochstapler-Syndrom heißt: Man glaubt, dass andere einen überschätzen und es irgendwann auffliegt. Es beschreibt ein Erleben, keine Diagnose, und steht weder im DSM noch in der ICD.
  • Beweise helfen nicht, weil es an Beweisen gar nicht fehlt. Erfolge werden Glück, Timing oder Fleiß zugeschrieben statt dem eigenen Können, also ändert es nichts, noch mehr davon zu sammeln.
  • Übervorbereitung funktioniert wie ein Aberglaube. Sie kommt vor dem Erfolg, also wird er ihr gutgeschrieben, und der Zweifel bleibt als Arbeitsmethode im Dienst.
  • Die berühmte Häufigkeitszahl steht auf wackligen Füßen. Je nachdem, wo der Grenzwert liegt, reichen die Angaben von 9 bis 82 Prozent, und bis zur Übersichtsarbeit von 2020 war keine einzige Behandlung geprüft worden.
  • Manchmal ist das Gefühl überhaupt keine Verzerrung. Es ist eine zutreffende Information, und beides auseinanderzuhalten bringt mehr als jede Übung für mehr Selbstbewusstsein.

Was ist das Hochstapler-Syndrom?

Das Hochstapler-Syndrom, auch Impostor-Syndrom genannt, ist die hartnäckige Überzeugung, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und von anderen überschätzt zu werden – obwohl die Belege eindeutig dagegen sprechen. Eine Definition aus der Arbeitswelt beschreibt es als den Glauben, dass andere die eigene Kompetenz im Job überschätzen. Es beschreibt ein Erleben, keine Erkrankung. Weder das Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association (DSM) noch die internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) führt es auf.

Benannt haben es Pauline Rose Clance und Suzanne Imes 1978, nach fünf Jahren mit Therapiegruppen, Lehrveranstaltungen und Einzelarbeit mit mehr als 150 sehr erfolgreichen Frauen. Sie sprachen vom „imposter phenomenon“, auf Deutsch Hochstapler-Phänomen. Das Wort „Syndrom“ kam erst später dazu, aus einer ganz anderen Ecke, und es unterstellt leise eine Krankheit samt Behandlung. Ziemlich viel Gewicht für ein einzelnes Wort. Die Forschung schreibt bis heute „impostor“, im Netz hat sich „imposter“ durchgesetzt, deshalb begegnet man auch auf Deutsch beiden Schreibweisen.

Die ursprüngliche Gruppe war eng gefasst, und die Autorinnen haben das offen gesagt. Überwiegend weiße US-Amerikanerinnen aus der Mittel- und Oberschicht zwischen 20 und 45, etwa ein Drittel davon in Therapie. Klinische Beobachtung, keine Umfrage. Das wird später noch wichtig.

Woran erkennt man das Hochstapler-Syndrom?

Erkennbar ist es nicht am Zweifel, denn vor etwas Schwierigem zweifelt fast jeder an sich. Erkennbar ist es an dem, was danach passiert, wenn die Sache gut gegangen ist.

  • Gute Nachrichten müssen wegerklärt werden. Spätestens am nächsten Tag hängt an der Beförderung ein Grund, und der Grund bist nicht du.
  • Die Vorbereitung geht weit über den Punkt hinaus, an dem sie noch hilft. Die Präsentation war am Dienstag fertig. Am Donnerstagabend wird sie trotzdem noch einmal umgebaut.
  • Oder genau umgekehrt. Angefangen wird erst, wenn der Abgabetermin so nah ist, dass er Angst macht. Praktischerweise liefert das gleich eine Erklärung, egal wie es ausgeht.
  • Lob klingt wie ein Hinweis auf eine Lücke. Wüssten die anderen, was du wirklich gemacht hast, würden sie das nicht sagen.
  • Um Hilfe zu bitten fühlt sich an, als würdest du ein Geständnis ablegen.
  • Du kannst deinen Job und bringst es nicht über die Lippen. Der Satz „Ich kann das gut“ will nicht heraus, nicht einmal allein in der Küche.
  • Jede neue Stufe setzt alles zurück. Mit der Beförderung zur Teamleitung wurde es schlimmer, und davor warnt einen niemand.

Wie viele Punkte zutreffen, ist weniger wichtig als das Muster dahinter. Zweifel vor einer Aufgabe ist normal und oft sogar nützlich. Um Zweifel, der das Ergebnis überlebt, geht es hier.

Warum hilft ein Erfolgstagebuch nicht?

Weil es an Erfolgen gar nicht fehlt. Clance und Imes haben das so direkt formuliert wie seither kaum jemand: Zahlreiche Erfolge, von denen man erwarten würde, dass sie reichlich Beweis für überlegene intellektuelle Fähigkeiten liefern, scheinen am Hochstapler-Glauben nichts zu ändern. Später im selben Aufsatz, nach fünf Jahren Beobachtung aus nächster Nähe, schrieben sie noch dazu, dass wiederholte Erfolge allein nicht reichen, um den Kreislauf zu durchbrechen.

Der Grund liegt in der Zuschreibung, also darin, worauf jemand ein Ergebnis zurückführt. Die Forschung, auf die sich die beiden stützten, hatte gezeigt, dass ein unerwartetes Ergebnis meist eine vorübergehende Erklärung bekommt, sodass die Erwartungen bleiben, wo sie waren. Und wer damit rechnet, aufzufliegen, für den ist ausgerechnet der Erfolg das Unerwartete. Er wird dem Glück zugeschrieben, der Anstrengung oder einem gnädigen Prüfer, Misserfolg dagegen einer dauerhaften Ursache, nämlich dem eigenen Können. Läuft diese Ablageregel erst einmal, geht die Rechnung von selbst auf. Erfolge kommen herein, werden unter Glück abgelegt, und der Ordner mit der Aufschrift „ich“ bleibt leer, egal wie voll die Schublade wird.

Was hält das Hochstapler-Syndrom am Laufen?

Drei Gewohnheiten erledigen den Großteil der Instandhaltung: sich übervorbereiten, anderen nach dem Mund reden und Anerkennung sammeln, die nie hängen bleibt. Alle drei stehen schon im Aufsatz von 1978. Sie sind auf dieselbe ungünstige Art gebaut: Jede sorgt für ein gutes Ergebnis und streicht dann selbst die Lorbeeren dafür ein.

Übervorbereitung als Aberglaube. Der Kreislauf, den Clance und Imes beschreiben, beginnt mit der Sorge, aufzufliegen. Dann folgen harte Arbeit und Verbergen, ein starkes Ergebnis, Anerkennung und ein Hochgefühl, das schnell verfliegt, weil es an das eigentliche Gefühl, ein Schwindler zu sein, nie herankommt.

Jetzt kommt der Teil, den fast niemand zitiert. Die Klientinnen entwickelten den halb bewussten Glauben, dass sie scheitern würden, sobald sie einmal mit Erfolg rechneten, und die Autorinnen beschrieben, wie dieser Glaube die Züge eines magischen Rituals annahm. Der Zweifel wird zur Methode befördert. Deshalb macht eine Beförderung das Ganze schlimmer statt besser, und genau das irritiert die meisten. Mehr steht auf dem Spiel, also wird das Ritual größer.

Sagen, was die anderen hören wollen. Clance und Imes nannten das intellektuelle Schmeichelei. Die Literatur zitieren, die der Doktorvater gern liest, bei einer Meinungsverschiedenheit den Mund halten, im Konzept die Idee der Chefin an die Stelle schreiben, an der eigentlich deine stehen sollte. Der Preis dafür: Deine echte Meinung wird nie geprüft, und so erfährst du auch nie, dass sie gehalten hätte. In diesem einen engen Punkt hat das Gefühl, ein Schwindler zu sein, recht. Es meldet die Schmeichelei, nicht deine Kompetenz. Die große Schwester dieser Gewohnheit ist der Drang, es allen recht zu machen.

Anerkennung sammeln, die man nicht behalten kann. Jemanden finden, dessen Urteil man schätzt, sich mächtig anstrengen, ihn zu beeindrucken, und sein Lob in dem Moment abwerten, in dem man es bekommt: Ihm habe ja nur die Begeisterung gefallen oder das Auftreten, nicht die Arbeit. Also sucht man sich den Nächsten. Clances Klientinnen trugen noch eine zweite Überzeugung mit sich, die den Ausweg versperrte. Ein wirklich fähiger Mensch, so dachten sie, hätte die Bestätigung gar nicht erst gebraucht.

Läuft der Kreislauf bei dir?

  1. Wenn etwas gut gelaufen ist, hast du dann spätestens am nächsten Tag eine Erklärung parat, die nichts mit dir zu tun hat?
  2. Bereitest du dich weiter vor, wenn die Vorbereitung längst nichts mehr bringt?
  3. Fiele es dir schwer, „Ich kann das gut“ laut zu sagen, selbst wenn niemand im Raum ist?

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Gibt es das Hochstapler-Syndrom überhaupt?

Es beschreibt etwas, das Menschen ganz offensichtlich erleben. Gemessen wird es allerdings ungenauer, als die Berichterstattung vermuten lässt. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2020 hat 62 Studien mit 14.161 Teilnehmenden ausgewertet und Häufigkeiten zwischen 9 und 82 Prozent gefunden. Wie groß die Zahl ausfällt, hängt davon ab, welcher Fragebogen benutzt und wo der Grenzwert gesetzt wurde. In einem Fall reichte es, den Grenzwert auf derselben Skala um vier Punkte zu verschieben, und die Rate stieg von 24 auf 39 Prozent. In den Artikeln landen dann die 82 Prozent.

Zwei weitere Ergebnisse dieser Übersicht sollte man im Hinterkopf behalten. Die Hälfte der Studien, die nach einem Unterschied zwischen den Geschlechtern gesucht haben, fand keinen, obwohl die ganze Idee aus der Arbeit mit Frauen stammt. Und keine einzige Studie in der Übersicht hatte eine Behandlung geprüft. Damit ist jede selbstsichere Fünf-Schritte-Lösung, die im Umlauf ist, per Definition ungetestet, die Vorschläge weiter unten auf dieser Seite eingeschlossen.

Die fünf Typen, die in fast jedem Artikel auftauchen, also Perfektionist, Experte, Naturtalent, Einzelkämpfer und Superwoman beziehungsweise Superman, stammen aus dem Buch einer Rednerin und Trainerin, nicht aus einer Studie. Als Vokabular taugen sie durchaus. Ein Forschungsergebnis sind sie nicht.

Hat das Gefühl manchmal recht?

Manchmal, und zwar auf zwei bestimmte Arten. Keine davon bedeutet, dass du schlecht in deinem Job bist. Entweder meldet es zutreffend, dass du den Leuten gewohnheitsmäßig nach dem Mund redest, oder es nimmt richtig wahr, dass ein bestimmtes Umfeld dich als Außenseiter behandelt.

Die erste ist die Schmeichelei, um die es weiter oben schon ging. Wer ein Jahr lang Dingen zustimmt, die er eigentlich nicht teilt, bei dem wird das Gefühl, eine Rolle zu spielen, zu einer zutreffenden Meldung über genau dieses Rollenspiel. Abhilfe schafft ein einziger ehrlicher Satz in einem einzigen Meeting. Noch mehr Kompetenznachweise ändern daran nichts.

Bei der zweiten geht es um Räume, nicht um Menschen. 2021 argumentierten Ruchika Tulshyan und Jodi-Ann Burey in der Harvard Business Review, das Konzept beruhe auf einer schmalen Stichprobe und verlagere ein strukturelles Problem ins Innere einzelner Menschen. Wer echter Benachteiligung begegnet, bekommt stattdessen einen persönlichen Defekt, an dem er arbeiten soll. Der Text wurde zu einem der meistgelesenen, die das Magazin je veröffentlicht hat, was dafür spricht, dass er etwas benannt hat, das viele wiedererkannten.

Wer als einzige Person im Raum anders aussieht, anders klingt oder auf einem anderen Weg hereingekommen ist, etwa als Erste in der Familie mit Studium, erlebt ein Gefühl, das sich vom Hochstapler-Syndrom kaum unterscheiden lässt und trotzdem etwas ganz anderes ist. Der Test dafür ist unspektakulär und nützlich. Begleitet dich das Gefühl überallhin, oder taucht es nur in bestimmten Räumen auf?

Es gibt auch einen Befund, der angenehm in die andere Richtung zeigt. In vier Studien mit 3.603 Teilnehmenden wurden Beschäftigte, die häufiger Hochstapler-Gedanken hatten, von ihren Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit anderen besser bewertet. Der Zweifel brachte sie dazu, genauer zuzuhören, ernsthaft zusammenzuarbeiten und um Hilfe zu bitten. Ein Geschenk ist es deshalb nicht, und es kostet viel Kraft. Aber es heißt, dass das Gefühl wenig über deine Kompetenz verrät. Während du dich darauf gefasst machst, aufzufliegen, merken die Kolleginnen und Kollegen vor allem, wie gut du zuhörst.

Abzugrenzen ist das Ganze von geringem Selbstwert. Der ist breiter und braucht keinen Erfolg, an den er sich heften kann. Das Hochstapler-Syndrom ist enger. Es lebt vom Erfolg, weil jeder Erfolg eine Sache mehr ist, die wegerklärt werden will.

Was hilft gegen das Hochstapler-Syndrom?

Ansetzen muss man daran, wie Ergebnisse erklärt werden, nicht daran, noch mehr davon zu sammeln: vor der Aufgabe eine Vorhersage aufschreiben, die Übervorbereitung absichtlich kürzen und die Angst einer Kollegin oder einem Kollegen gegenüber laut aussprechen. Bewiesen ist davon nichts. Bis zur Übersichtsarbeit von 2020 hatte überhaupt niemand eine Behandlung geprüft. Genau diese drei Schritte haben Clance und Imes empfohlen, und sie sehen ganz anders aus als das, was die Ratgeberseiten von ihnen übernommen haben.

Vor der Aufgabe die Vorhersage aufschreiben, nicht hinterher die Erklärung. Die beiden baten ihre Klientinnen, sich mit der Erwartung „Ich werde das gut machen“ vorzubereiten statt mit „Vielleicht scheitere ich“. Einen Erfolg ohne den Zweifel vorab beschrieben sie als den Durchbruch, der das Ritual auflöst. Praktisch heißt das: ein Satz in einer Notiz vor dem Meeting. Was du erwartest und warum. Hinterher liest du ihn. Liegt das Ergebnis erst vor, fühlt sich die Erklärung mit dem Glück unanfechtbar an. Eine Vorhersage, die vorher auf dem Papier stand, lässt sich viel schwerer wegerklären.

Die Übervorbereitung einmal absichtlich kürzen, bei etwas Kleinem. Ob die vier Extrastunden überhaupt etwas bringen, erfährst du nie, solange sie immer da sind. Clance und Imes wollten die zwanghafte Mehrarbeit gezielt verringern, weil sie die Erklärung „das lag nur am Fleiß“ immer weiter füttert. Such dir etwas, bei dem wenig auf dem Spiel steht, mach das normale Pensum und schau, was passiert. Meistens passiert nichts, und genau dieses Nichts ist die Information.

Es einem Menschen laut sagen, der denselben Job macht. In der ursprünglichen Arbeit kam das fast nie von selbst zur Sprache. Es war ein gut gehütetes Geheimnis, das erst nach mehreren Sitzungen auftauchte. Das Gruppenformat funktionierte aus einem Grund, der mit Trost wenig zu tun hat: Die Verzerrung ist von innen unsichtbar und von außen offensichtlich. Wenn eine Kollegin, die du wirklich respektierst, genau dieselbe Angst beschreibt, bewirkt das in zehn Minuten mehr als der Ordner mit den Dankesmails in zwei Jahren.

Zwei Grenzen gehören dazu. Wenn es über Unbehagen hinausgeht und du Aufgaben meidest, die du eigentlich kannst, Dinge absagst, die du willst, oder die Nächte kaum noch Schlaf bringen, lohnt es sich, damit zu einer Psychotherapeutin oder zum Hausarzt zu gehen. Das ist ganz gewöhnliche Selbstfürsorge, kein Geständnis. Und ein Muster, das unter fähigen Menschen so verbreitet ist, beweist für sich genommen nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Der Ordner ist nicht leer. Darin liegen einundneunzig Mails, abgelegt unter „Großzügigkeit der anderen“. Ändern muss sich die Ablageregel, nicht der Ordner.

Häufige Fragen

Es ist die Überzeugung, mit dem eigenen Erfolg alle getäuscht zu haben und irgendwann aufzufliegen, obwohl es echte Belege für die eigene Kompetenz gibt. Das Entscheidende daran: Erfolge bringen keine Erleichterung, weil sie als Glück, gutes Timing oder harte Arbeit wegerklärt werden statt als Können.

Nein. Es steht weder im Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association (DSM) noch in der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD), und es gibt keine Diagnosekriterien dafür. Ängste und Depressionen treten oft zusammen damit auf. Das sind eigenständige Probleme, die Fachleute tatsächlich abklären und behandeln können.

Perfektionist, Experte, Naturtalent, Einzelkämpfer und Superwoman beziehungsweise Superman, bekannt gemacht von der Autorin und Rednerin Valerie Young. Die Typen stammen aus einem Buch, nicht aus der Forschung. Sie taugen deshalb als Vokabular für das Erleben, nicht als gesicherte Kategorien.

Weil der Kreislauf von Übervorbereitung lebt und eine größere Rolle ein größeres Ritual verlangt. Je mehr auf dem Spiel steht, desto nötiger wirkt der Zweifel vorab, und der Erfolg danach wird den Extrastunden gutgeschrieben statt dem Können. Außerdem fällt mit dem neuen Titel die Ausrede weg, man sei ja noch Berufsanfänger.

Bis zu einer systematischen Übersichtsarbeit von 2020 war keine einzige Behandlung geprüft worden. Wer Heilung verspricht, rät also. Die ursprünglichen Forscherinnen setzten an der Gewohnheit der Zuschreibung an, statt weitere Beweise sammeln zu lassen: vor einer Aufgabe festhalten, was man erwartet, die Übervorbereitung bewusst zurückfahren und die Angst einer Kollegin oder einem Kollegen gegenüber laut aussprechen.

Quellen

  1. Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 15(3), 241–247.
  2. Deaux, K. (1976). Sex and the attribution process. In J. H. Harvey, W. J. Ickes & R. F. Kidd (Eds.), New Directions in Attribution Research. Erlbaum.
  3. Bravata, D. M., Watts, S. A., Keefer, A. L., Madhusudhan, D. K., Taylor, K. T., Clark, D. M., Nelson, R. S., Cokley, K. O., & Hagg, H. K. (2020). Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: a systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275.
  4. Tewfik, B. A. (2022). The impostor phenomenon revisited: Examining the relationship between workplace impostor thoughts and interpersonal effectiveness at work. Academy of Management Journal, 65(3), 988–1018.
  5. Tulshyan, R., & Burey, J.-A. (2021). Stop telling women they have imposter syndrome. Harvard Business Review.